Facebookkrimi: Leseprobe Love@Miriam von Christiane Geldmacher

[3. Januar]
Mail von meinem *guten Freund* Christoph bekommen. Er erklärt mir, dass er Facebook unterirdisch findet und dass er nur deswegen dabei ist, um in Kontakt mit internationalen Freunden zu bleiben. Ich sei kein internationaler Freund und deswegen würde er mich auch nicht adden.

[4. Januar]
Frage mich, wie man eine Audiodatei auf Facebook tackert. Miriam liebt Vögel, sie nennt sich „Die mit den Vögeln aufsteht“. Sie schreibt solche Beiträge wie „Wenn ein Rotkehlchen schwarzweiße Flügel und ein dunkles Häubchen hat, dann ist es ein Dompfaff“. Darauf kriegt sie dann 127 Kommentare.
In nervenaufreibender Kleinarbeit habe ich in Australien einen Kookaburra-Gesang aufgetrieben (okay, zwei Klicks). Jetzt soll das auf Facebook drauf, aber ich weiß nicht wie.
Und es hilft mir hier ja keiner.

[4. Januar, 14:43 Uhr]
Christoph um Hilfe wegen des Kookaburra-Audios gebeten. Er fragt mich, welchen Teil seiner Mail ich nicht verstanden hätte – er würde mich als Facebook-Freund nicht akzeptieren.
Ich schreibe zurück: „Achtung Lesekompetenz: Steht irgendwo in der Mail was von Freundschaft? Du sollst mir nur erklären, wie ich das verdammte Audio auf Facebook kriege!“
Seitdem nichts mehr von ihm gehört.

[6. Januar]
Das Audio prangt jetzt auf Miriams Facebook-Seite. Es ist zwar nicht so geworden, wie ich es mir vorgestellt habe – leider nur ein Link, nicht der Sound selbst – aber ich kann’s nicht ändern.
Habe Miriam den Link auf die Mail gelegt („Hey, Miriam, das musst du dir anhören!“), damit es nicht verloren geht. Ich hoffe, ich bin nicht zu pushy.

[7. Januar]
Probleme mit Magen-Darm. Auf der Arbeit habe ich mich deswegen krankgemeldet. Es macht keinen Unterschied – im Moment stagnieren unsere Aufträge. Die Druckerhersteller kriegen es prima hin, dass die Patronen nur schlecht wiederbefüllt werden können. Sie zerstören sich nach dem ersten Gebrauch selbst, wie bei James Bond.
Wir brauchen dringend ein neues Randsortiment, sagt Chef Bruno. Darüber soll ich mir jetzt Gedanken machen.
„Gefällt mir nicht“
Ich hasse diesen Job.
Pflege mein Facebook-Profil. Ben hat mir auf meine Seite PLAKATIERT, ich sollte mehr Content bringen, bei mir wäre es so öde. Leider habe ich das zu spät entdeckt, sonst hätte ich es gelöscht. Natürlich kann ich jetzt *nicht* mehr Content bringen, sonst gäbe ich dem Kerl ja recht. Habe mir aber „mehr Content bringen“ auf Wiedervorlage eingetaktet, damit er nicht ständig bei mir aufkreuzt.
Das Ganze ist lächerlich, es geht ihm nur um Miriam; glaubt er, die Leute wissen das nicht?

[7. Januar, 22:27 Uhr]
Depressionen.
„Du bist wie dein Vater“, sagte Miriam und das war kein Kompliment. Sie sagte es, weil ich angeblich von Dingen redete, von denen ich keine Ahnung hatte.
„Original dein Vater.“
Seine Zuhörer – also Miriam selbst, ich und meine Mutter – seien ihm nur die Stichwortgeber gewesen, wenn er bei Tisch seine Lieblingsthemen abgearbeitet hatte.
Stimmt. Aber Herrgott, der Mann war krank. Wenn man sein Gedächtnis verliert, redet man vielleicht dagegen an. Und der schmale Grat zwischen Nichtdemenz und Schondemenz ist kaum mehr zu spüren.
„Merk mal den Unterschied zwischen Blödsinn und noch mehr Blödsinn“, sagte ich damals zu Miriam.

Zu beziehen im lokalen Buchhandel oder zum Beispiel >>>hier.

Dieser Beitrag wurde unter Bücher, Facebookroman abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>